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"Sustainable Sourcing"

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theresa-utechtTheresa Utecht studiert Textil- und Bekleidungsmanagement an der Hochschule Niederrhein. FEMNET e.V. hat für sie den Kontakt zu zwei indischen Organisationen hergestellt und ihr so einen Praktikumsplatz vermittelt. Sie war vom Anfang März bis Ende August 2013 für sechs Monate in Indien und hat uns ihre Eindrücke und Erfahrungen beschrieben.

 

 

 

 

Das Praktikum bei Cividep und Munnade (April 2013)

Seit gut einem Monat bin ich jetzt im Süden Indiens, in der Hauptstadt von Karnataka. Die Zeit verging bis jetzt wie im Fluge, ein gutes Zeichen, dass ich mich hier sehr wohlfühle  und (Gott sei Dank!) keinen berüchtigten Kulturschock erlebt habe, vor dem ich von allen Seiten doch mehrmals gewarnt wurde.

Es ist das erste Mal, dass ich ein Land außerhalb von Europa kennenlerne und das für einen längeren Zeitraum von sechs Monaten. Durch die intensive Vorbereitungszeit über das was mich eventuell alles erwarten könnte, entwickelte sich von Tag zu Tag eine zunehmende Neugier, Faszination und Sehnsucht nach diesem für mich noch unbekannten Land. Die andere Kultur mit vielen unterschiedlichen Religionen, das neue Miteinander zu Hause und auf der Straße, für mich fremde aber dort total akzeptierte und scheinbar nicht hinterfragte Verhaltens- und Alltagsregeln, die von allen herbeigesehnte Monsunzeit, und die unendliche, bunte Vielfalt der Kleidung, Häuser, Speisen, Landschaften- einfach des gesamten indischen Lebens. Und es ist tatsächlich genauso, wie ich es überall gelesen und gesehen habe. Es ist gleichzeitig inspirierend, und bedrückend, atemberaubend, aber auch beängstigend, auf der einen Seite amüsant, auf der anderen Seite erschreckend, man könnte ewig so weiter machen. Indien ist und bleibt ein Land der Gegensätze.

Mein Hauptanliegen, die Praxisphase in Indien zu verbringen, ist an die Wurzeln der Bekleidungsproduktion zu gelangen. Fragen, die mich brennend interessieren sind u.a.: Unter welchen Umständen versuchen überwiegend Frauen tagtäglich unseren westlichen Konsum zu bewältigen, welche Konsequenzen hat unsere wachsende, scheinbar endlose Nachfrage auf ihre Lebenssituation? Inwieweit wird sowohl lokal als auch global etwas gegen diese Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen unternommen? Worauf müssen Bekleidungsunternehmen achten/sich einstellen, wenn sie ihre Produktion ins Ausland verlegen? Und was können gerade sie leisten, um die Situation zu verbessern?

Alles Aspekte, die für mich sehr wichtig sind, wenn ich später eventuell für ein Unternehmen arbeite, dass nicht in Deutschland produzieren lässt, sondern die günstigste und an sich effizienteste Alternative im Ausland gewählt hat. Die ökologischen und sozialen Folgen dabei werden meistens gar nicht oder wenn, nur unzureichend berücksichtigt. Der ökonomische Part steht nach wie vor an erster (und einziger) Stelle. Nachhaltiges Handeln-  immer noch ein unangenehmes, schwieriges Thema in Unternehmen.

Durch das Praktikum erhoffe ich mir genauere Einblicke zubekommen, und mir so ein unverfälschtes Bild von den realen Umständen machen zu können. Hierzu werden unterschiedliche Ansprechsprechpartner beitragen, die an der textilen Wertschöpfungskette beteiligt sind: die Unternehmen, die Konsumenten, die Arbeiter/-innen vor Ort, Gewerkschaften, NROs, und die jeweiligen Regierungen.

Cividep (Civil Initiatives for Development and Peace) India, (weitere Informationen unter: http://cividep.org/) ist eine NRO in Bangalore und besteht seit 12 Jahren. Die Organisation setzt sich für Menschen-, Arbeitsrechte und Umweltstandards besonders in der Elektronik- und Bekleidungsindustrie ein, organisiert Recherchen, Trainings, Kampagnen, und verfasst Berichte zu CSR und Unternehmensverantwortung. Während meiner Praktikumszeit begleite ich das Team von Cividep, in das ich sehr herzlich integriert werde, nehme an Projekten mit anderen Organisationen zusammen teil, und  recherchiere zum Thema Arbeitsbedingungen speziell im Bekleidungssektor. Mitte März startete ein solches Forschungsprojekt im südindischen Textil- und Bekleidungssektor, an dem ich aktiv mitarbeiten werde. Es geht um Kinderarbeit, Diskriminierung, Gewerkschaftsbildung, Vereinigungsfreiheit, Löhne, Arbeitszeiten etc.

Munnade, eine Frauenrechtsorganisation auch aus Bangalore, unterstützt Arbeiterinnen im Bekleidungssektor sowohl bei arbeitsrechtlichen als auch bei häuslichen/familiären Angelegenheiten. Gemeinsam mit ihnen kann ich direkt mit den Arbeiterinnen in Kontakt treten. Drei Tage die Woche verbringe ich bei Cividep und zwei bei Munnade.

Ich bin sehr gespannt darauf, mit den Arbeiterinnen zusammen arbeiten zu können und während den Interviews mehr über sie und ihre Tätigkeiten zu erfahren.

Mehr Infos zu ähnlichen Themen:

 

Das Praktikum bei Cividep und Munnade (Mai 2013)

„Meine westlich geprägte Sicht- und Lebensweise so weit wie möglich versuchen abzulegen, um alles in mir aufnehmen und mitnehmen zu können“ - so wird mich meine Indienreise hoffentlich langfristig prägen und positiv beeinflussen.

Von der indischen Kultur, die durch farbenfrohe Kleidung und Feste, unzählige religiöse Bräuche, Tempelrituale und zusammenführende Traditionen gekennzeichnet ist, sticht für mich das fest verankerte Solidaritätsgefühl am Stärksten heraus. Man erkennt eine Gemeinschaft, die zusammenhält, und in allen Situationen gegenseitig aufeinander Acht gibt- etwas, was ich in Deutschland mehr und mehr vermisse. Wir bewegen uns immer weiter dahin, komplett unabhängig voneinander zu sein, den anderen nicht mehr wirklich zu brauchen; immer noch mehr zu wollen, und somit nie zufrieden zu sein; noch bequemer und verwöhnter zu leben, und dabei das Wesentliche zu vergessen; konsumorientiertes Leben, wobei Werte auf der Strecke bleiben.

Während meiner Zeit hier erlebe ich ein ständiges Wechselbad der Gefühle, da solche Gegensätze sehr ‚krass´ aufeinander treffen und nochmal bewusst werden. Es gibt Augenblicke, da bin ich zutiefst zufrieden, genieße die Fahrt in der Rikscha, und beobachte fasziniert das Treiben auf der Straße: eine Frau, die morgens in ihrem Hauseingang am Bürgersteig sitzt und in einer kleinen Plastikwanne das silberne Geschirr vom Frühstück abwäscht; eine Andere am Straßenrand, die vornüber gebeugt ihr langes, schwarzes Haar kämmt und anschließend den geflochtenen Zopf mit frischem Jasmin schmückt; und wieder eine Andere, die zwischen dem Verkehr tiefgebückt die Straße mit einem kleinen ‚Gras-Besen‘ von Staub und Müll zu befreien versucht; lachende, niedliche Kinder in britischen Schuluniformen, die händchenhaltend auf dem Weg nach Hause laufen; ein älterer Herr, der in seinem Plastikstühlchen vor seinem Geschäft sitzt und schlummernd auf Kundschaft wartet – scheinbar total ungestört von dem ganzen Lärm um ihn herum; ein vorbei brausendes Motorrad, besetzt mit einer 5-köpfigen Familie und Gepäck. Der Einzige, der einen Helm trägt, auf dem Kopf oder einfach am Arm baumelnd, ist wenn der Fahrer. Das Baby hängt gewohnheitsmäßig schon abgehärtet und ungesichert auf dem Schoss der Mutter, die wegen ihres Saris in sehr eleganter Weise seitwärts platziert ist. Es sind kleine alltägliche Bespiele, nichts sehr Außergewöhnliches, aber Augenblicke, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringen und das schlichte, indische Leben ausmachen.

Gelassenheit und Zuversicht – weitere nützliche Merkmale der indischen Mentalität.  Alles zu kontrollieren und gründlich weit im Voraus zu planen, bringt hier nicht wirklich viel. Eher mal abzuwarten, was sich so ergibt, spontan und flexibel zu sein, ist hier weitaus mehr gefragt. Langsam habe ich mich daran gewöhnt und beginne es zu genießen. Bis jetzt habe ich auch nur positive Erfahrungen damit gemacht. Man lernt darauf zu vertrauen, dass alles irgendwie klappt. Es ist z.B. jedes Mal eine Überraschung, ob  bzw. wie ich mit dem Rikscha-Fahrer mein Ziel erreiche. Erst während der Fahrt stellt sich heraus, ob der Gute wirklich weiß wo es hingeht oder zehn Passanten nach der Wegbeschreibung befragt werden. Die Fahrt dauert dann meistens etwas länger, aber es finden sich wirklich immer hilfsbereite Inder und Inderinnen, die alles versuchen, damit man ankommt. Ein Anhaltspunkt, z.B. die Grundschule in der Nähe von meinem Büro, ist weitaus hilfreicher als eine komplette Adresse – die hilft keinem so wirklich weiter.

Diese permanente Aufmerksamkeit und Bereitschaft überall zu helfen, wo man irgendwo kann, ist auf alle Fälle beeindruckend und bewundernswert. Davon können wir uns sicherlich eine große Scheibe von abschneiden! Dazu gehört auch das Teilen! Zuerst immer seinen Nächsten zu fragen oder ihm etwas anzubieten, bevor man sich bedient, ist nicht nur höflich, sondern zeigt wieder dieses Gemeinschaftsgefühl. In unserer für mich sehr ‚Ich-bezogenen-Welt‘ eher eine Seltenheit.

Es sind die verschiedensten Eindrücke und daraus entstehenden Fragezeichen, die mich jeden Tag in Indien beschäftigen. Ich hinterfrage, vergleiche, bewundere, beurteile, versuche zu verinnerlichen oder leider auch zu ignorieren. Traurige Momente, in denen ich direkt mit den Lebensbedingungen der Ärmsten konfrontiert werde, gehören genauso dazu: wenn ich morgens an der Bushaltestelle stehe, und Kinder ohne Bleibe, unter dem Flyover wohnend, mit nur einem Unterhemd bekleidet, bettelnd hinter vorbeikommenden Leuten herlaufen sehe; wenn ich in die Straße zum Büro einbiege, und drei kleine Geschwister an der Hauswand sitzen sehe, den ganzen Tag wartend auf ihre Eltern, die extra aus einem anderen Staat Indiens in voll beladenen LKWs herbeigeschafft wurden, um auf einer Baustelle zu arbeiten- da sie die billigsten Arbeitskräfte sind; wenn ich abends ganze Familien mit ihrem winzigen Hab und Gut auf Decken am Straßenrand schlafen sehe, was sie ihr zu Hause nennen; wenn ich Kühe in riesigen, übel riechenden Müllhaufen auf der Suche nach etwas Essbarem sehe; wenn ich protzige, weiße Mercedes-Kutschen durch die staubigen, vollgestopften Straßen neben einem klapprigen Ochsenkarren vorbei fahren sehe…

Armut gibt es überall auf der Welt. Aber hier in Indien ist es für mich eine sehr harte, ins Auge stechende und unbegreifliche Art von Armut. Wenn man als sorgenloser Europäer - und sorgenlos sind wir, wenn man sich hier den ständigen Kampf ums Überleben anguckt, in ein Land wie Indien reist und sich mit all seinen Sinnen auf das dort Gebotene einlässt, wird man nochmal auf andere Weise mit diesen Themen konfrontiert. Schuldgefühle, Bedauern und Verständnislosigkeit im Hinblick auf diese Ungerechtigkeit kommen immer wieder auf.

Zu resignieren, dass man als Einzelner nichts an diesem System verändern kann, kann schnell zur Verbitterung führen. Da es wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, werden oft einfach die Scheuklappen aufgesetzt und die Realität so gut es geht vermieden.
NGOs wie Cividep sind deswegen wertvoll und unbedingt notwendig, aber leider noch viel zu machtlos gegenüber der Regierung, großen Unternehmen und der Masse der Konsumenten.

Das Forschungsprojekt, das derzeit zum Thema Arbeitsbedingungen läuft, soll die momentane Situation erneut aufgreifen und an die Öffentlichkeit gebracht werden. Der Druck auf die großen Konzerne ist anscheinend immer noch nicht groß genug, bzw. die Konsequenzen, wenn erneut hunderte von Menschen in einer Fabrik in Bangladesch ums Leben kommen, überhaupt nicht ausreichend. Gibt es überhaupt Konsequenzen?

 

Das Praktikum bei Cividep und Munnade (Juni 2013)

The Best way to find yourself is to lose yourself in the service of others.”
Mahatma Gandhi

Indien Collage

Noch ein Monat, dann ist mein Praktikum in Indien bei Cividep und Munnade schon zu Ende. Die Zeit verfliegt wie im Fluge und bis zu meiner Rückkehr möchte ich noch möglichst viel von dem restlichen Teil Indiens sehen. Ende Juli bekomme ich Besuch von meinen Eltern, meiner Tante, Cousine und Onkel und meiner besten Freundin. Ich freue mich so, sie inspiriert und überzeugt zu haben nach Indien zu kommen und ihnen zeigen zu können, wie und wo ich fünf Monate verbracht habe. Als mein Bruder mit seiner Freundin letzten Monat für ein paar Tage hier war, habe ich erst gemerkt, wie normal schon alles für mich geworden ist, dass ich mich an alle Umstände schnell gewöhnt und mich in die indische Gesellschaft gut integriert habe. Ich bin von Anfang an sehr aufgeschlossen und vor allem vorurteilsfrei an das Neue heran gegangen und das hat mir ermöglicht, das wahre Leben in Indien zu erfahren, zu genießen und letztendlich lieben zu lernen.

Mit meiner Familie zusammen werde ich den Süden Indiens -Mysore, Ooty, Coimbatore und Cochin- erkunden. Im August geht es mit meiner Freundin Richtung Westen nach Gokarna (an den Strand) und Pune (Bekannte besuchen) bis hoch in den Norden nach Agrar (Taj Mahal besichtigen), Varanasi (heiligste Stadt am Ganges) und Dehli. Auf dieser Reise wird die Vielfalt Indiens in Bezug auf Essen, Landschaft, Lebensweise und Traditionen nochmals deutlich zu spüren sein.

Neben dem übermittelten Fachwissen durch Projekte, Recherchen und Meetings mit Arbeiterinnen und Aktivisten nehme ich vor allem auch eines mit: Die Erkenntnis, dass es sich lohnt, sich für eine bessere Welt einzusetzen – auch wenn es sich nur wie ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ anfühlt. In einem Land wie Indien, wo jede Hilfe gebraucht und daher so dankbar angenommen wird, wo durch einfachste Mittel viel erreicht werden kann, bereichert die Arbeit einen immens.

Indem ich mit Organisationen zusammenarbeite, die sich für bessere Arbeitsbedingungen, gegen Ausbeutung und mehr Gerechtigkeit für die Frauen in der Bekleidungsindustrie einsetzen, erfahre ich tagtäglich wie ungemein wichtig solche Arbeit ist und dass es davon noch viel zu wenig gibt. Wir brauchen nicht noch mehr Shopping Malls, sondern diese dort arbeitenden Menschen für Hilfsorganisationen, soziale Projekte und Kampagnen. Wir haben genug - schon zu viel - Angebot, so viel, dass wir uns nicht mehr entscheiden können, von der Auswahl überfordert sind und im Konsum versinken.

Das Team von Munnade besteht derzeit aus vier Frauen. Es sind erfahrene Arbeiterinnen aus der Bekleidungsindustrie, die 2004 beschlossen haben, nicht mehr in der Fabrik unter miserablen Bedingungen zu arbeiten, sondern von außerhalb aktiv gegen die Missstände vorzugehen. 2012 entstand GLU (Garment Labour Union), eine große Gewerkschaft, die heute 850 Mitglieder umfasst. Es ist beeindruckend zu sehen, was diese vier Frauen alles auf die Beine stellen und wie viel sie aufgebaut haben. Letzte Woche war ich bei einem Pressemeeting, bei dem GLU über die neue notwendige Textilpolitik gesprochen hat. Von Seiten des Arbeiterministeriums wird immer noch massiv über Arbeiterrechtsverletzungen geschwiegen, die textilen Richtlinien begünstigen ausschließlich die Arbeitgeber und nicht die große Anzahl von unorganisierten und ungeschützten Arbeitnehmern. Der monatliche Mindestlohn von 5000 Rupien (ca. 70€) muss erhöht werden, 12000 Rupien werden gefordert und sind nötig um ein akzeptables Leben in Bangalore zu führen. Ein separater Bereich im Arbeitsministerium muss geschaffen werden, um Klagen von Arbeitern anhören zu können und entsprechend reagieren zu können und Gremien aufgestellt werden, um die aktuelle Situation und Defizite erfassen, kontrollieren und Maßnahmen treffen zu können. 

Jeden Monat findet ein „Executive Meeting“ statt, bei dem sich 19 Frauen treffen, die führende Positionen in der Union eingenommen haben, und Probleme in speziellen Fabriken zu behandeln, vergangene und anstehende Aktionen zu besprechen und weitere Methoden zu finden, um die Union zu stärken und zu vergrößern. Ein aktuelles Problem ist zum Beispiel, dass sich eine Arbeiterin beschwert hat, sie würde seit 22 Jahren in der gleichen Fabrik arbeiten und immer noch das gleiche Gehalt wie am Anfang bekommen. Generalsekretärin Yashoda von Munnade sagte, dass es leider noch kein Gesetz gibt, welches ein höheres Gehalt für Langzeitarbeiter vorsieht, für die Einführung eines solchen Gesetzes aber gekämpft werden müsse. Die Anfrage würde ans Parlament gehen.

Neben diesen Aktionen und regelmäßigen Besuchen der Arbeiterinnen außerhalb der Fabriken, verteilen des alle zwei Monate erscheinenden Newsletters, Protestaktionen und Streiks, erstelle ich zusammen mit GLU noch eine Webseite über die Arbeiterunion, um besonders außerhalb Bangalores bekannt zu werden und internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erhalten.

Auch wenn es immer schwierig ist, sich zu verständigen, da sie hauptsächlich Kannada und ich nur Englisch spreche, verstehen wir uns in irgendeiner Weise (mal mit Übersetzer, mal ohne) und haben ein sehr vertrauliches Verhältnis zueinander aufgebaut. Ich wurde schon oft zu ihren Familien nach Hause in die Dörfer eingeladen und unglaublich herzlich empfangen. Es ist sehr amüsant und gleichzeitig erstaunlich zu sehen, was für eine Wirkung der Europäer auf die meisten Inder hat. Sie sind so neugierig und interessiert an diesem fremden Wesen und haben leider eine ziemlich verzerrte Vorstellung von uns, hauptsächlich durch die falsche Berichterstattung der Medien entstanden. Wir sind die reiche, zufriedene und sorgenlose Gesellschaft –beneidenswert- aber andererseits auch bemitleidenswert, da unsere Lebensweise, im Vergleich zu der Indischen, eher als Werte-los, nur konsumorientiert und zu freizügig erscheint. Natürlich haben wir, finanziell gesehen, ein besseres Leben und bekommen mehr Möglichkeiten und Unterstützungen von Seiten des Staates. Ob wir aber die glücklicheren, zufriedeneren Menschen sind, bezweifele ich, möchte ich mal so dahin gestellt lassen. Trotz des überall herrschenden Leids, habe ich noch nie so viel Warmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl erfahren wie hier.
Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Fazit: Der richtige Weg - Rückblick auf fünfeinhalb Monate Indien (August 2013)

Als es letztes Jahr in meiner Uni hieß: „So langsam wird es Zeit sich um ein Praktikum für das kommende Semester zu kümmern!“, war mir bis dato nicht klar, dass ich diese Zeit in Indien bei einer NGO und einer Gewerkschaft verbringen werde. Erst als mich im Oktober 2012 die Mail von Cividep zur Bestätigung eines fünfmonatigen Praktikums erreichte, begann ich zu realisieren, dass es in ein paar Monaten für mich auf eine abenteuerliche Reise in ein fernes, fremdes Land gehen wird.

Ich wusste nicht was mich erwarten wird, ich hatte keinerlei Vorstellung. Es war das erste Mal außerhalb von Europa und für eine längere Zeit als zwei Wochen weg von der gewohnten Umgebung. Dennoch war ich ungeheuer neugierig und zutiefst zuversichtlich. Damals konnte ich noch keinem wirklich erklären, warum ich all meine Zeit und Kraft in das facettenreiche Land Indien gesteckt habe. Aber da war etwas, was mich unheimlich angetrieben und mir das Gefühl gegeben hat, das Richtige zu machen.

Heute, rückblickend, kann ich es zwar immer noch nicht genau benennen, aber zumindest in meiner Art umschreiben und erklären. Es waren einzelne Augenblicke, die mir meine Entscheidung immer wieder bestätigt und mich weitergebracht haben, wie es hoffentlich auch durch meine vorherigen Berichte deutlich geworden ist.

Angefangen hat alles mit meinem positiven Gefühl als ich am 1. März 2013 in Bangalore am Flughafen angekommen bin: von dem Taxifahrer von meiner ersten Unterkunft mit meinem Namensschild erleichtert empfangen, die ersten 30 holprigen Kilometer in Richtung Bangalore City in stickiger Hitze überlebt, unterwegs mitten im chaotischen, scheinbar aussichtslosen Straßenwirrwarr mit meinem Schul-Englisch zum Geld wechseln auf die erste Probe gestellt... Die neue Situation war zwar irgendwie erschlagend, doch ich fühlte, dass ich angekommen bin, dass ich am richtigen Ort bin und es eine spannende Zeit wird!

Indien Collage

Insgesamt hat alles funktioniert, ich hatte von Anfang an vollstes Vertrauen und mit meiner inneren Überzeugung konnte ich jede Situation meistern.

Vielleicht war es nur Glück, dass ich keine allzu negativen Erfahrungen während der ganzen Zeit gemacht habe. Vielleicht hat mir aber auch ein Stück weit die Art geholfen, wie ich an alles herangegangen bin. Ich habe versucht, mich auf das Unbekannte einzulassen, ohne Vorurteile, mich versucht so gut es geht anzupassen, und etwas riskant aber im Nachhinein richtig, wie es scheint, mich oft auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich habe das Land mit all meinen Sinnen aufgenommen und sehr zu schätzen gelernt.

Mit der Praktikumsstelle bei Cividep und Munnade bzw. GLU war und bin ich immer noch sehr zufrieden. Ich wurde überall sehr herzlich aufgenommen und konnte wertvolle Beziehungen aufbauen.

Für mich war das genau das Richtige. Neben dem ganzen Theoretischen in der Uni musste ich mir mein eigenes Bild von der Situation vor Ort machen und einen neuen Blickwinkel entwickeln. Wenn es später in den Managementbereich von Bekleidungsunternehmen gehen sollte, so wie es mein Studiengang vorsieht, dann zumindest mit diesen Erfahrungen, um anders an die heutigen Herausforderungen heran zugehen.

Ich hab ein weiteres Ziel erreicht und kann darauf aufbauen: zu sehen, wie lokal in den Entwicklungsländern vor Ort gegen die Missstände der Bekleidungsindustrie vorgegangen wird und welche Schwierigkeiten insgesamt in der Produktionskette auftauchen, die man hier vom Schreibtisch aus niemals ganz erfassen und lösen könnte.

Um die gesammelten Eindrücke und Informationen festzuhalten und noch sinnvoller zu nutzen, wird sich meine Bachelorarbeit mit dem Thema befassen, wie Bekleidungsunternehmen mit lokalen NGOs kooperieren und dies als effektive CSR-Strategie nutzen können - selbstverständlich mit dem Schwerpunkt auf Indien. Was genau ich mit dem ersten Abschluss als Bekleidungsingenieurin nächstes Jahr machen werde, steht für mich noch nicht genau fest. Mit Sicherheit weiß ich, dass der eingeschlagene Weg der Richtige ist…

Ich bedanke mich recht herzlich bei Frau Burckhardt, die mir dieses Praktikum vermittelt hat und ganz besonders beim Team von Cividep und Munnade, deren Zusammenarbeit ich sehr zu schätzen gelernt habe und die mich in vielerlei Hinsicht bereichert hat.

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